SZELY

 

 

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2012

 




Ausgabe 7, Winter 2012


Art Foundation

Notations / Logbook, 2006–12, Crayon on paper, A4 notebook

Publizierte Tagebücher von berühmten Schriftstellern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind nicht gerade die zuverlässigsten Quellen. Wurde da der eine oder andere Tag bei der Überarbeitung ausgelassen? Wurde Kummer glattgebügelt, blieben Liebschaften unerwähnt? Hat der Autor oder die Autorin gar ein zweites Tagebuch geführt, das einer ganz anderen Erzählung folgt und in dem all das Unverständliche und Sinnlose verzeichnet ist, genau wie es gerade geschieht? In diesem geheimen Tagebuch wäre der Erzähler vielleicht vertrauenswürdiger. Vielleicht aber auch nicht.

In Ricarda Denzers tagebuchartigen Arbeiten gewinnen solche Fragen nach der Wahrheit der Selbsterzählung eine ganz eigene Bedeutung. Ihre Einträge nennt sie „audiovisuelle Gedankenprotokolle“ und sie fertigt diese handschriftlichen Notizen, Skizzen und Kritzeleien während Interviews und Gesprächen mit anderen an. Sie kombiniert die Formate Tagebuch und Gespräch, das Schreiben mit dem Zuhören. Gespräche werden nicht wortgetreu transkribiert und Denzers Arbeiten gehen auch unverkennbar vom Stenografischen aus. Ihre Kurzschrift ist so etwas wie die visuelle Version ihres inneren Soundtracks, ihre Reaktion auf das Gehörte. Dieses Hören auf den inneren Monolog dominiert auch die Ausstellung: Vom Originalton zur grafischen Aufzeichnung – und zurück zum Auditiven.

Denn der Komponist Peter Szely hat auf der Grundlage von Denzers Protokollen eine Partitur angefertigt, indem er Sätze und Wörter in einzelne Stimmen und Tonlagen übersetzte. Die so entstandene Klangarchitektur verwandelt sich im Galerieraum beinahe in eine Art Anordnung zur Echoortung: Wie Fledermäuse bei Tageslicht bewegen sich die Besucher durch die Ausstellung. Die vorgetragenen Aussagen bekommen eine geradezu körperliche Qualität, nehmen einen Ort ein, erhalten Form, Höhe, ja selbst Masse und Dichte. An der Wand hängt eine Seite mit Notizen, in deren obere linke Ecke Denzer, vielleicht eher beiläufig, die Worte „Die Stimme selbst ist eine Art Körper“ gekritzelt hat. Und dieser Satz erscheint noch einmal am rechten Rand dieser Seite, geschrieben von oben nach unten. Es wirkt ein wenig, als sei die Künstlerin hier unterbrochen worden und hätte versucht, den Gedanken später noch einmal aufzugreifen.

Denzer hat unter dem Titel Aufzeichnungen(2006–12) in den letzten sechs Jahren etwa 500 Seiten mit solchen Notizen angefertigt. Hier werden nur zehn Seiten gezeigt. Die meisten sind bedeckt mit ihrer rundlichen Schrift, manchmal hat sie die Linien des karierten Papiers in zarten Strichen nach­gezeichnet oder die Kästchen in kräftigen Farben ausgemalt. Ob es sich bei Sätzen wie „The Freudian slip; what does one slip?“ oder „Dialoge sind einfach zu langweilig, zu … hin und her …“ um Gesprächsfetzen handelt oder um stille Grübeleien, wird nicht deutlich. Liest man beide Zeilen zusammen, stellt sich die Frage, wie genau es gelingen soll, die eigenen Denkprozesse und Erfahrungen zu beurteilen.

Das Video von Denzers Performance packen (2011), das in einem Nebenraum zu sehen ist, zeigt die Künstlerin, wie sie zügig einen Fallschirm zusammenlegt und einpackt. Das scheuernde Geräusch des aneinanderreibenden Materials kommt zunächst unerwartet. Es klingt ein wenig, wie wenn man altes Paketklebeband von Pappkartons abzieht – nur eben lauter. Wie in Denzers audiovisuellen Protokollen spielt Ton auch hier eine gleichberechtigte Rolle bei der Erzeugung einer Art Bewusstseinsspaltung. Und plötzlich werden einem die inneren Prozesse klar, mit denen man Erfahrungen verarbeitet und wie sich dabei – zusätzlich zu den hier ausgelösten Assoziationen – das Visuelle gegenüber dem Akustischen verhält. Vor allem aber, wie verstörend es ist, dass nichts davon zusammenpasst.
Übersetzt von Michael Müller

—von Helen Chang


Fußnoten der Produktion

Christa Benzer, 19. September 2012, 17:50
    • Visualisierte Nachdenkprozesse und Satzfragmente von Ricarda Denzer: ' Aufzeichnungen 2006-2012'.

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      foto: ricarda denzer

      Visualisierte Nachdenkprozesse und Satzfragmente von Ricarda Denzer: " Aufzeichnungen 2006-2012".


    Jene Aufzeichnungen, mit denen Ricarda Denzer seit vielen Jahren ihre Gedanken, Fragen etc. ordnet, hat die Künstlerin nun gemeinsam mit Peter Szely vertont: "Perplexities", eine Schau im Kunstbuero

    Wien - "Donnerstag, Montag" oder "Spintisieren. Herbeidenken" steht inmitten von bunten Kritzeleien und Sätzen, die Überlegungen zu unterschiedlichsten Themen betreffen. Worte wie "Gewerkschaft" oder " Beunruhigung" tauchen auf, aber auch Zitate (meist unausgewiesener Herkunft), Textfragmente oder ganz banale Fragen zur technischen Seite der Produktion.

    Seit 2006 entstehen diese bunten Notizblätter parallel zu Ricarda Denzers Arbeit. Die 1967 geborene Künstlerin versteht ihre dicht beschriebenen Blöcke auch als "audiovisuelle Gedächtnisprotokolle". Für Denzer, die sich immer wieder mit verschiedenen Erzähl-, Gesprächs- und Interviewformen befasst hat, spielen diese visuell ansprechenden Protokolle eine wichtige Rolle: Ihre "wilden" Gedanken sollen so eine Struktur erhalten. Ein relativ chaotisches Schriftbild, abgebrochene Sätze, aber auch Kritzeleien erzählen ebenso von Gedankensprüngen wie von Konzentration oder eingelegten Pausen.

    Perplexities ist die Ausstellung betitelt, die damit Bezug nimmt auf Hannah Arendt. Arendt war der Meinung, dass man angesichts all der Ratlosigkeit in der Welt nichts anderes machen kann, als das Nachdenken darüber zu teilen. Zu sehen sind eine relativ kleine Auswahl von Denzers Blättern, aber diesmal geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter: Seit langem am Verhältnis von Sprache, Schrift, und Stimme, aber auch dem zwischen Hören und Sehen interessiert, hat sie Soundkünstler Peter Szely gebeten, ihre Notizen als Ausgangspunkt für eine Komposition zu verwenden.

    Betritt man die Galerie, taucht man nun gleichzeitig ein in einen Hörraum, in dem die notierten Gedanken zu tanzen beginnen: Der Ablauf folgt freilich keinem wiederholbaren Rhythmus, sondern gibt akustisch vielmehr jene (unsystematische) Logik wieder, mit der die Künstlerin ihre Assoziationen, Ideen und Fragen zuvor zu Papier gebracht hat. Immer wieder gibt es deswegen auch auf der Tonebene Sprünge und Brüche, und immer wieder taucht irgendwo ein Textfragment auf, das auf der anderen Seite des Raumes seine Fortsetzung findet.

    An Formen des Denkens interessiert, die erlernte Muster durchbrechen, stellt Denzer den Informationsgehalt hintenan. Auch wenn Worte wie " Sicherheit" politische Assoziationen eröffnen, geht es ihr viel mehr um die Annäherung an ein Denken, das weder zwischen Text, Sound und Bildern noch zwischen Alltagsproblemen, Politik oder kunstspezifischen Fragen die üblichen Gräben aufreißt. (Christa Benzer, DER STANDARD, 20.9.2012)


    2011

     

    fair Nr. 12 / I-2011, erschienen am: 11. 05. 2011, Seite 20-21

    Unfaßbare Bilder

    Zur Installation „naked eye“ von Sylvia Eckermann / Sound Szely

    In ihrer Installation, die zuletzt im Kunstraum BERNSTEINER zu sehen war, thematisiert Sylvia Eckermann die Präsentationsform des „white cube“, unterläuft dabei Grenzen zwischen bewegten und laufenden Bildern, zwischen flacher Wand und scheinbarer Tiefe, zwischen dem sichtbaren und dem gehörten Raum. Das Publikum taucht in einen Vorstellungsraum ein, der in jedem Moment der Betrachtung seinen Inhalt verändert, jede Narration auflöst und die Medialität gewohnter Kunstpräsentation sinnlich reflektiert.

    Von Brigitte Felderer

     

    Man betritt das Stiegenhaus des großen Mietshauses, um es durch eine Hintertür, die in den Innenhof führt, auch gleich wieder zu verlassen. Im Hof befindet sich die ehema­lige Werkstatt, die mit ihren wandhohen Fenstern viel Tageslicht in den tiefen Innen­raum läßt. Schon vor einigen Jahren wurde die Produktionsstätte zu einer Galerie um­gebaut: hell, weit, weiß. Als Sylvia Eckermann eingeladen wurde, in dem Kunstraum auszustellen, änderte sich nicht vieles, sondern im Grunde alles.

    In der Installation der Künstlerin steht eine lange Wand, wo zuvor Raum war, tragen die zuvor weißen Oberflächen die gleiche dunkelgrüne Farbe wie der eigens verlegte Teppichboden. Der Blick hinaus – durch die großen Fenster – wird von Spiegelfolien ins Innere zurückgeworfen. Bei hellem Sonnenlicht werden die Spiegel zwar transpa­rent, behalten jedoch ihre silbrige Farbe und verleihen so der Wirklichkeit draußen die Patina eines alten Films, lassen sie wie eine Projektion erscheinen. Die Aussicht auf den Wiener Innenhof scheint den Galerieraum zu erweitern, fortzusetzen. Eine Trennung zwischen nüchternem Alltag und einem davor geschützten, gleichsam der Kunst geweihten Bereich wird so aufgehoben. Die Veränderung des Tageslichts ist im Galerieraum immer mitzuerleben, bleibt nicht ausgesperrt und doch scheint selbst die­se natürliche und unabänderliche Lichtveränderung einem vorgebenen Konzept der Künstlerin zu folgen.

     

    Der Raum ist in seinen urprünglichen Ausmaßen nicht mehr erkennbar. Wie eine Ku­lisse wurde die Wand eingezogen, die in ihrer Färbigkeit die Gestaltung von Ausstel­lungsräumen zitiert, wie wir sie aus den Kunstmuseen des 19. Jahrhunderts kennen. Auch in Sylvia Eckermanns Installation hängen an einer solchen Wand Bilder. Doch ordnet sich die Hängung hier weder an malerischen Schulen oder Bildinhalten, noch geht es um Symmetrien oder Sammlungsstrategien. Die ausgestellten Bilder verkör­pern keine materiellen Wertanlagen, sie lassen sich nicht abnehmen, nicht wegtragen und bleiben dabei dennoch in Bewegung. An der Wand hängen zwar Keilrahmen, die aber keine Leinwände, wohl aber speziell lackierte Oberflächen tragen, die wiederum bewegte Bilder zeigen. Die Quelle dieser Bilder läßt sich nicht auf Anhieb lokalisieren. Trifft die Projektion von hinten auf transparente Flächen auf? Oder stellen sich an die Wand gehängte Leinwände einem Lichtstrahl entgegen?

     

    Drei Videoprojektoren werfen die sich ständig verändernden Images auf insgesamt zehn Bildflächen. Die Trägerflächen sind zwar nicht gerahmt, doch im Unterschied zur dunklen Wand erhaben. Diese subtil erzeugte Tiefenwirkung bewirkt, daß sich die Bilder von der Wand und voneinander absetzen und die flächigen Projektionen einen virtuellen Bildraum und zugleich den Effekt realer Raumtiefe erzeugen. Die Bil­der scheinen die dunkle Wand gleichsam zu perforieren, Tiefe im realen Raum zu erzeugen.

    Um das nackte Sehvermögen geht es der Künstlerin dabei nicht. Der Titel für ihre Arbeit, „naked eye“, ist daher auch weniger Versprechen als vielmehr ein ironischer Hinweis auf das, was nicht gezeigt wird, aber dennoch zu sehen ist. So hat sie auf den Fensterscheiben, die in der Installation die Differenz von Außen- und Innenraum im wahrsten Sinn des Wortes reflektieren, einen Satz von Alfred Adler angebracht, in dem der Begründer der Individualpsychologie die Vielschichtigkeit kommunikativer Prozesse beschreibt. In wenigen Worten postuliert er die analytische Distanz, die nur dann entstehen kann, wenn die Widersprüchlichkeiten einer Selbstdarstellung nicht unbemerkt bleiben, wenn neue Kontexte und Verweissysteme ins Spiel kommen, so scheinbar zufällige Äußerungen nicht unbemerkt bleiben und sich als bedeutungsvolle Gesten lesen und erkennen lassen:

     

    „Wenn Ihnen das, was der Patient sagt, widersprüchig und verwirrend vorkommt, dann schließen Sie die Ohren und öffnen Sie weit die Augen. Schauen Sie ihm genau beim Reden zu, und Sie werden auf einmal ganz genau verstehen, was er Ihnen nicht sagt.“

    Die Installation bezieht sich auf den sichtbaren Kontext des Ausstellungsraums, aber vor allem thematisiert sie gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die uns ästhetische Objekte eben nie mit nacktem Auge anschauen lassen. Wie eine Patientin steht auch die Kunst unter Beobachtung und ihr Publikum ist bereit und wird in die Lage ver­setzt, sich auf Reflexion einzulassen.

    Sylvia Eckermann liefert dabei die Betrachterinnen und Besucher in und mit ihrer Installation an Widersprüchlichkeiten aus, die zu einer höchst produktiven Verwir­rung führen. Nähert man sich den vermeintlichen Tafelbildern, stellt man schnell aber doch nicht augenblicklich fest, daß sie Projektionen, daß sie Filmisches wiedergeben. So zeigen die Inhalte beispielsweise Hautoberflächen, in die mit Fingernägeln gekratzt und eigentlich gezeichnet wird. Sie präsentieren Landschaften oder versetzen abs­trakte Figuren in Bewegung, deren feine Linien durch Drehung, durch gleichzeitige Schattierung und Überlagerung dreidimensionale Effekte entstehen lassen. Ein Trip­tychon gibt immer neue Ausschnitte auf eine endlose Körperlandschaft frei. Die Bil­der überschreiten dabei ihre Grenzen, ihre Inhalte bleiben nicht einer einzigen Fläche verhaftet, sondern bewegen sich weiter, über den Rand hinaus, eröffnen so den Blick auf eine zweite Wirklichkeit, die sich unter oder hinter ihnen zu verbergen scheint. Die Künstlerin greift in ihrer medialen Installation auf illusionistische Techniken eines gerahmten und perspektivisch aufgebauten Tafelbilds zurück. Doch sind ihre Bildin­halte flächig angelegt, respektieren keine Rahmungen, bewegen sich über den Rand ins nächste Bild weiter. In diesem Widerspruch gelingt es ihr, eine geradezu vertraute Bildmagie herzustellen und darüberhinaus zu verräumlichen, nicht jedoch indem der Blick des Betrachters seine Position in einem illusionierten Bildraum einnimmt. Viel­mehr fallen in der multimedialen Installation Bildraum und Galerieraum in eins.

     

    Die raffinierte Präsentation der Bilder verändert die Wahrnehmung des gesamten Raums. Der Ausstellungsort wird durch Sound, Farbgebung und räumliche Eingriffe der bewußten Wahrnehmung entzogen. Man vermutet eine geheimnisvolle Tiefe im realen Raum, hinter der aufgestellten Bilderwand. Die dunklen Wände weichen hin­ter die hellen Bildflächen zurück. Dieser Eindruck wird durch eine Tonspur, kompo­niert von Peter Szely, wesentlich verstärkt. Der Sound gibt nicht einfach den Rhythmus der Bilder, deren Abfolge und filmische Bewegungen wieder. Der Sound bestimmt die Wahrnehmung, füllt die Installation auch dann aus, wenn sich der Blick abwendet. Er ist nie Soundtrack, sondern wird zu einem eigenständigen Element, zu einem Raum­klang, dessen Resonanz dazu beiträgt, daß man den räumlichen Gegebenheiten nicht mehr so ohne weiteres trauen mag.

    Die Künstlerin hat mit ihrer Installation zudem einen Kontext geschaffen, um die Ideo­logie kontextunabhängiger Kunst, wie sie der white cube nach wie vor als konventionel­le Präsentationsform repräsentiert, vorzuführen. Reflektiert werden in dieser Arbeit die Bedingungen, unter denen ästhetische Objekte traditionell rezipiert werden.

     

    Anstelle einer Raumkunst läßt sie in dieser Installation die Zeitkünste Film und Sound treten. Es geht ihr nicht um die kontemplative Betrachtung einzelner ästhetischer Ob­jekte, sondern die Betrachter tauchen in ein „totales Bild“ (Oliver Grau) ein, in ein Pa­norama aus laufenden Bildern, aus Sound, der aus einem imaginierten Nichts kommt. Die bewegten Bilder irritieren die Wahrnehmung einer vermeintlichen Bilderwand. Man trifft nicht auf unveränderliche Situationen, folgt keiner zwingenden Narration. Es gibt keine gemeinschaftliche, sondern nur eine individuelle Erfahrung in diesem gebauten Vorstellungsraum.

    Sylvia Eckermann erwischt ihr Publikum bei eingespielten und althergebrachten Re­zeptionspraktiken, sie seziert traditionelle Präsentationsformen von Bildern, statischen und bewegten und unterläuft gewohnte Kunstbetrachtung. Sie verführt letztendlich ihr Publikum zu einer intensiven Betrachtung filmischer Materialien, die hier mit raffinier­ter Ironie präsentiert werden und dabei technologisch definierte ästhetische Erfahrun­gen einschließen.

    Keine Tafelbilder, sondern unfaßbare, ja ortlose Objekte sind in dieser Arbeit zu sehen, Objekte, die sich nicht ohne weiteres zuordnen lassen und so von jedem und jeder ein­zelnen immer alle gebotene Aufmerksamkeit einzufordern wissen.

    Brigitte Felderer

    Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin,

    lehrt an der Universität für angewandte Kunst Wien.

    Artikel erschienen in:

    fair • Zeitung für Kunst und Ästhetik – Wien / Berlin

     

    art

     

    m Zentrum des Raumes

    Walter Seidl, 02.01.11

     

    Mit ihrer multimedialen Installation naked eye gelingt es der Künstlerin Sylvia Eckermann, den Kunstraum Bernsteiner in ein Video- und Soundscape zu verwandeln, das Momente des Unterbewussten in einer interdisziplinären Zusammenschau bildlicher und auditiver Komponenten evoziert.

    Auf zehn unterschiedlich großen Projektionstafeln, in deren Oberfläche Swarovski Kristalle eingearbeitet wurden, um die Intensität und Helligkeit der Bilder zu erhöhen, werden drei unterschiedliche Videos gebeamt, die eine Narrationskette aus Bildelementen erzeugen, die es den BetrachterInnen überlässt, eigene inhaltliche Fragestellungen aufkommen zu lassen.

    Der Soundteppich von Peter Szely wurde speziell zur vorliegenden Bildarbeit in Auftrag gegeben und fließt in den von dunkelgrünem Teppich ausgelegten Raum, der an der Wand in eine saturierte Schwärze übergeht, als meditative Komposition, die ein Eintauchen in die Bilder ermöglicht, das für viele auch über die eigentliche Länge der projizierten Videos hinaus ein Verweilen in jener bildkünstlerisch erzeugten Welt bedeutet.

    Die Motivik der Bilder kreist um schemenhafte Darstellungen von Körperbildern (in diesem Fall aufgenommen vom Sohn der Künstlerin beim Händewaschen) bis hin zu Renderings von Totenkopfteilen und horizontalen Signalleisten, die von oben nach unten über sämtliche Projektionsebenen laufen und somit eine Synchronizität der Bildteile in einem ontologisch-spirituellen Weiß hervorrufen.
    Die Überlappung der einzelnen Bildteile auf den unterschiedlichen Projektionsflächen führt zu einer Gesamtkomposition, bei der BetrachterInnen die Einzelteile des Geschehens bzw. digital generierten und projizierten Inhalts nur schwer festmachen können. Eckermann schafft es dadurch, eine auf den Kunstraum Bernsteiner hin präzise konstruierte und komponierte Welt zu schaffen, die es ermöglicht, Kunsterfahrung fernab von Alltagsrealität zu profilieren.



     

     

    Vorstellung: Peter Szely und Peter Fuchs

    20.05.2011 | 10:17 |  von Eva Winroither (Die Presse - Schaufenster)

    Wenn der Wiener Jüdische Chor und ein Klangkünstler zusammentreffen, kommt ein Elektroexperiment heraus.

     

     

     

    2007

     

    art

     

    Ursula Hentschläger, 14.09.07

     

    Vorsichtig bewegen sich Figuren im weißen Nichts des Bildschirms. Animationen ohne Hintergrund, Gesichter ohne Augen, Nähe ohne Grund. Die Arbeit "s.h.e." von Natasa Teofilovic (SRB) ist in ihrem Zögern behutsam, in der Annäherung bedächtig und im Alleinsein bestimmt. Die Figuren werden zur dreidimensionalen Metapher menschlicher Verhaltensmuster, bleiben aber immer gemappte Polygone, die sich selbst genügen. In der Durchdringung der Körper vermischen sich einzelne Teile, verschmelzen aber nicht. "s.h.e." ist ein gelungenes Beispiel einer künstlerischen Auseinandersetzung jenseits von Edu- und Entertainment, wie sie ansonsten nur zu oft im Rahmen von 3D-Arbeiten zu finden sind. Die Installation auf fünf Screens bleibt im Rahmen der diesjährigen Ausstellung im Ars Electronica Center auch nach dem Festival zugänglich.

    Ebenfalls Teil einer über das Festival hinausgehenden Ausstellung ist die österreichische Arbeit "Spiegelzellen" von Sylvia Eckermann, Peter Szely und Doron Goldfarb in der Linzer Landesgalerie. Hier wird ein endlosverspiegelter Kubus zum immersiven Aufenthaltsraum, in dem sich Nutzende über drei Projektionsflächen einander annähern können. Diese Begegnungen finden in unterschiedlichen emotionalen Sphären statt. So ist ein Raum der Erinnerung gewidmet, ein anderer den Prinzipien von Vergänglichkeit und Veränderung, ein dritter dem Phänomen von Nähe und Körperlichkeit; ein vierter thematisiert Fragen von Identität und Mimesis und ein fünfter schließlich das Außen. Abgesehen von der überaus interessanten zugrundeliegenden Installationsidee, kann die Arbeit als visuell wie akustisch ebenso außergewöhnliche wie geglückte Anwendung einer Multi-User-Umgebung betrachtet werden, die wiederum jenseits herkömmlicher 3D-Spielumgebungen Fragen aufwirft und sich nicht damit begnügt, absehbare Handlungen zu evozieren.

    Diese beiden Arbeiten können stellvertretend für noch weitere während des Festivals stehen, die der Frage von Nähe und Distanz nachspüren, multiples Sein thematisieren und damit auch Gegenwart spiegeln. Auf einer weiteren Ebene leistet dies auch die Arbeit "Augmented Sculpture" von Pablo Valbuena (ES). Ein Architekturmodell wird hier mit einer Lichtprojektion überlagert. Der Lauf der Zeit wird sichtbar und die (politische) Frage bleibt, ob es nun um das das Einzelne oder das Gesamte gehen soll.


     



    Spex / DE

    mit Jessica Rylan, Szely, Rechenzentrum und Julia Kent

    Text: Kai Ginkel

     

    ...Szely qualifiziert sich für diese Kolumne vor allem durch die Methode, mit deren Hilfe er die Tracks für »Processing Other Perspectives« (Mosz) sprichwörtlich zusammengetragen hat: Found Sounds und kleine, gestückelte Klang-Fragmente, um die er Freunde und Bekannte gebeten hat, kombiniert er hier zu einer natürlich sehr umtriebigen Angelegenheit, die in erster Linie durch ihre ungemeine Lebhaftigkeit überzeugt. Die Produktion nun hat Szely gemeinsam mit Martin Siewert erledigt, dem immer wieder ein schlüssiger, sanft angewärmter Sound gelingt, der niemals aus den Fugen gerät und dem vorliegenden Album mit dieser Eigenschaft einen wahren Bärendienst erweist: Szely pendelt durch Pop, Geräusch und Elektronik jederzeit lückenlos, geschmeidig und überraschungsreich... http://www.spex.de/

    Szely - Processing Other Perspectives
    Label: Mosz | Vertrieb: Hausmusik | VÖ

     

     



    DE:BUG / DE

    Szely - Processing Other Persepctives
    [Mosz/15 - Hausmusik]

    Text: thaddi


    ...Wie ein endloser Zug rollt das neue Album von Szely an uns vorbei, vorne, kurz hinter der Lok, hocken die jazzig besenden Percussions, weiter hinten zieht die Slide-Guitar Kreise, im Speisew-agen sind die Rechner aufgebaut, die alles minutiös kontrollieren und steuern. Lange habe ich kein Album mehr gehört, das seine Kraft so leise und sanft verpackt. Die acht Stücke bersten fast vor Kollaborationen, der Titel ist hier Programm: Martin Siewert, Nik Hummer, Bernahrd Loibner, Ulrich Troyer und die Sängerin Melita Juristic finden alle ihren Platz in Szelys Universum und helfen ihm dabei, seine Ideen noch stärker zu machen. Für ihn ist alles nur Sound, und das ist gut so. Der gleichberechtigte Umgang mit allen Zutaten macht dieses Album zu einer Überraschung... www.mosz.org

     

    2004

     

    WIRE / GB

    Peter Szely
    Welcome to my World

     

    ...The recently inaugurated Mosz label, allied with Mego in Vienna, seems already to have acquired the happy knack of enticing fascinating records out of people who don't normally make them. Following on from Martin Siewert's debut solo release (No Need To Be Lonesome, released earlier this year) comes this gem from Peter Szely. Although Szely has an impressive, decade-long track record in the art gallery - his sound installations have been exhibited all over the world as well as his native Vienna - this is the first time that he has composed specifically for the compact disc. And it's worth the wait. In contrast to the naively ebullient titles, Szely's music is immaculately calibrated - minimal, for sure, but every sonic event is a subtle pleasure, perfectly processed, ushered gracefully to its rightful place in the stereo spectrum. Most of the tracks are long, but they're far from aimless. Even at his most stealthily crepuscular ("Welcome To My World", "Lifestyle"), Szely is intent on his distant horizons, constantly enfolding new details into the seamless stream of sound. Elsewhere, on "I Love My Guitar" and "Like A Fish In The Water", the warm thrum of an acoustic guitar (and its accidental entourage of knocks and string noise) lends a blossming musicality...

     



    Evolver / AT

    Willkommen daheim


    ...Szely wurde 1969 in Wien geboren und studierte Computermusik und elektronische Medien. Seine musikalische Arbeit fand bisher hauptsächlich im Bereich von Klanginstallationen und Radiokunst statt, doch nun legt er mit "Welcome to My World" seine erste CD-Produktion vor. Der simple Titel paßt gut zur Musik, die auf dem Album zu hören ist. Minimale Rhythmen und verspielte Sounds dominieren die Platte. Keine Nummer bricht aus der sanft-groovigen Grundstruktur aus, keine verändert sich im Laufe ihres Bestehens, und der Grundtenor bleibt von Anfang bis Ende der gleiche. Sollte das jetzt uninteressant geklungen haben, so liegt man damit weit entfernt von der Wahrheit. Je länger Szelys Kompositionen dauern, desto mehr nehmen sie den Hörer gefangen und lassen ihn in die Welt des Künstlers eintauchen. Die musikalischen Muster entwickeln mit seliger Ruhe ihre Faszination erst nach mehrminütigem Hören und liegen mit ihrer fast meditativen Art irgendwo zwischen den endlosen Beat-Schleifen eines Rapoon und den ruhigen Momenten der frühen Autechre. "Welcome to My World" ist das großartige Debüt eines sympathischen Musikers, der abseits von Trends und "Musts" an seinem eigenen Klanguniversum bastelt. Hoffentlich gewährt er uns bald weitere Einblicke in seine musikalische Welt...